Lebenszeichen

Erinnerungen eines jungen Finkhöflers 2004

Lautes Lachen, Wärme, Unterhaltungen, Gedränge, Tellerklappern, viele Menschen - das sind meine ersten Eindrücke vom Finkhof. 35 Kommunarden. Arbeitend und lachend, diskutierend und feiernd. Zwei Hunde unter der Eckbank. Essen in Schichten. Das Haus war fast zu klein für alle. Vermittelte aber gerade dadurch ein großes Geborgenheitsgefühl.
Das ist jetzt über 20 Jahre her. Ob auf der Alm bei den Schafen, beim Heuernten oder Scheren, in der Kneipenküche oder im Garten, ich erlebte als Kind eine sehr freie und vor allem auch sehr spannende Zeit inmitten meiner Bezugsgruppe. So viele Menschen um einen herum - lauter Onkel und Tanten - da ist immer jemand, der Zeit für einen kleinen Jungen hat.
Auch wenn ich es damals noch nicht so sah, so hatte ich doch eine großartige Kindheit. Fast schon luxeriös der Kreis derer, die mich behüteten, beschäftigten und auch erzogen. Trotzdem blickte ich oft mit Neid auf die Familien der Klassenkameraden. Wollte auch so leben. Schämte mich zuweilen der Menschen, die mich umgaben. Ich wünschte mir, so zu leben wie alle anderen, als ein Teil der „Normalität“. Erst später lernte ich das Leben in der Kommune wieder zu schätzen. Dann nämlich als meine Freunde voller Begeisterung waren für den Finkhof und dem Lebensgefühl, für das er stand. Eitel wie ich war, sonnte ich mich jetzt in dem unerwartet positiven Zuspruch.
Trotzdem verließ ich den Finkhof. Beendete meine Schule, machte eine Lehre, lebte mit meiner Freundin in einer schicken Stadtwohnung. Lebte ein anderes Leben und schaute nur noch sehr sporadisch im Allgäu bei den Finkhöflern vorbei. Abgerissen ist der Kontakt in den ganzen Jahren jedoch nie. Ich beobachtete, wie die Gruppe schrumpfte, sich veränderte, neue Menschen dazu kamen und andere dafür gingen. War ich, zu meiner Zeit, noch quasi ein Kommune-Einzelkind, gab es mit der Zeit sieben Kinder dort.
Weniger Menschen hieß dann auch mehr Platz für den Einzelnen. Das Leben auf dem Finkhof wurde ein bisschen komfortabler. Die Arbeit wurde mehr, die Produktpalette größer. Die Arbeit kann nicht mehr von der Gruppe allein bewältigt werden. Die Zahl der Angestellten wächst.
Ich komme jetzt öfter zu Besuch, wohne eine Zeit lang auf dem Finkhof. Arbeiten tue ich drei oder vier Dörfer weiter in einer Druckerei. Aber ich bin wieder zu Hause untergeschlupft. Vorübergehend. Später finde ich eine eigene Wohnung. Aus meiner ehemaligen Bezugsgruppe - den Onkeln und Tanten - sind Freunde geworden.
Als ich beschließe, mich auf eine größere Reise zu begeben und den Job in der Druckerei an den Nagel zu hängen, trifft sich das gut mit den Plänen von einem Kommunarden. Er will dem Finkhof für ein Jahr den Rücken kehren und ebenfalls die Welt bereisen. Und so fange ich Anfang des Jahres 2004  auf dem Finkhof zu arbeiten an. Im Versandbüro. Für ein Jahr. Jetzt bin ich wieder Teil des Finkhofs. Und noch einmal hat sich meine Beziehung zu den Menschen hier gewandelt. Von der Bezugsgruppe zu Freunden und jetzt zu Kollegen und Arbeitgebern. Auch wenn ich nicht mehr hier lebe, sondern „nur“ arbeite, so ist der Finkhof in erster Linie eines für mich. Zuhause.


Eine Reise nach Neuseeland 2005

Rausgehen, wegfahren, neue Menschen kennenlernen, den alltäglichen Rhythmus für eine Zeit lang unterbrechen, ist durchaus auch für einen Kommunarden eine traumhafte Vorstellung. Nach 25 Jahren geregelter Arbeitszeit in unserem Versand, der Kneipe und verschiedenen Ausbauprojekten konnte ich mir einen alten Wunsch erfüllen und für ein halbes Jahr nach Neuseeland fahren. Vorneweg sei gesagt, jedem der den gleichen Gedanken in sich trägt, kann ich es dringend empfehlen. Neuseeland ist ein wunderschönes Land, unglaubliche Landschaften, gastfreundliche Menschen und vollkommen neu zu entdeckende Fauna und Flora.
Zuerst aber einige Worte zum letzten Katalog. An dieser Stelle hatte meine Urlaubsvertretung Patric einen schönen Artikel über Werden und Sein geschrieben. Patric beschrieb, wie er auf dem Finkhof aufwuchs, unsere Lebensweise seine Entwicklung beeinflusste, wie er fort zog und immer wieder auch zurück fand. Inzwischen betreibt er über den Sommer eine Schafalpe in der Schweiz. Eine Entscheidung, zu der wir ihm viel Glück wünschen.
Wenn ich heute nachdenke, was der entscheidende Grund war, nach Neuseeland zu fahren: ich weiß es nicht mehr oder es gab keinen. In meiner Vorstellung von Neuseeland hatte ich ein diffuses Bild einer grünen Insel, sehr ländlich. Eine Landschaft zwischen dem Film „Piano“ und Tolkiens Mittelerde, eher kahlgefressen von 40 Millionen Schafen. Die Schafe existieren tatsächlich, aber um die beiden Inseln kahl zu fressen, bräuchte es wohl erheblich mehr.
Ich nehme an, dass der eine oder andere Kunde wenig Vorstellungen von Schafhaltung hat, deshalb ein Vergleich. In Neuseeland werden keine Schafe gehütet, so wie es bei uns üblich ist. Riesige Flächen werden eingezäunt und von einer relativ geringen Anzahl Schafe ganzjährig abgeweidet, oft in Gemeinschaft mit Kühen. Aufgrund des Zugrechtes, eines alten deutschen Gesetzes, das das freie Ziehen von Schäfern zwischen November und März regelt, sind wir nicht an einen Standort gebunden. In Neuseeland gibt es den Beruf des Wanderschäfers nicht. Alle Schafhalter sind Farmer. Eine geregelte, gemeinsame Lammzeit wie in unserer Herde gibt es selten. Während wir die Böcke in einem festen Zeitraum in die Herde lassen und damit den Zeitpunkt der Lammung festlegen, gelten in Neuseeland extensive Regeln. Die Schafe lammen das ganze Jahr, weil sich auch immer Böcke in der Koppel befinden. In der folgenden Zeit entscheidet allein Mutter Natur, ob das Lamm durchkommt oder nicht.

Strickwolle und Wollprodukte haben in Neuseeland traditionell einen hohen Stellenwert. Während hier Wolltextilien ein Nischendasein führen und es ein großes Angebot an Textilien aus Baumwolle und Kunstfasern gibt, ist es dort üblich, Wollunterwäsche und Wollpullover zu tragen. In jeder Kleinstadt findet man einen Laden mit einer ähnlichen Palette an Produkten wie in diesem Katalog. Auf dem Land gibt es immer wieder Hinweisschilder zu kleinen Webereien oder Hofläden, die Strickwolle verkaufen. Das Wissen über die natürlichen und pflegenden Eigenschaften von Wolle und Wollfett sind allgemein bekannt. Vielleicht muss man/frau auf einer Insel leben, um die Bedeutung der einzigen einheimischen Textilfaser schätzen zu lernen. Oder 40 Millionen Schafe können nicht irren.