Erfahrungen
Die kleinen Schritte sind die mühsamsten - 2011
Wir leben in einer paradoxen Zeit. Es kriselt an vielen Ecken in unserer Gesellschaft, man/frau kommt schon nicht mehr mit, welche der aktuellen Krisen einen direkt betrifft. Neue Kriegsherde, Energieversorgung, unbekannte Krankheitserreger, Finanzkrisen - alles erzeugt das Gefühl, dass es so nicht weiter gehen kann und zeigt uns unsere Ohnmacht. Anstatt das Steuer herumzuwerfen, lautet die Reaktion: weiterwursteln, jetzt erst recht, noch mehr vom Gleichen. Noch mehr Autos, noch mehr Überbauungen, noch mehr Wachstum, noch mehr Spekulation. Klar, die Rendite für unsere Renten brauchen wir jetzt, das Überleben des Planeten kommt später.

Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass sich die meisten Menschen dieser Situation bewusst sind, grundsätzlich auch bereit sind, ihren Lebenwandel zu ändern, aber nicht wissen, wo sie ansetzen sollen. Der Glaube ist da, aber das Handeln fehlt. Beim Recycling klappt es sehr gut in Deutschland, aber man muss sich fragen warum und entdeckt dann schnell das wirtschaftliche Interesse einiger großer Müllfirmen.
Laut einer BBC-Umfrage 2009 glauben nur noch 11 % der Befragten in 27 Ländern, dass der Kapitalismus gut funktioniert. 23 % halten die freie Marktwirtschaft laut dieser Studie für sehr fehlerhaft. Unter dem Eindruck der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren glauben 51 % der Befragten, dass die Märkte stärker reguliert werden müssen - nur in der Türkei wollen die Menschen laut Studie weniger Regulierung. 23 % der weltweit Befragten meinen, dass eine vollkommen neue Wirtschaftsordnung geschaffen werden müsse. (aus Spiegel 11/2009 „Studie offenbart weltweite Unzufriedenheit mit Kapitalismus“)
Was hat das mit uns zu tun? Wir sind eine kleine Landwohngemeinschaft, viele leben seit 30 Jahren und mehr zusammen. Unsere wirtschaftliche Grundlage sind die Schafe und die Vermarktung ihres Fleisches und ihrer Wolle.
Für uns war eine mögliche Alternative immer eine stärkere regionale Vernetzung. Produktion im Land, kurze Transportwege, ökologisch hergestellte, natürliche Rohstoffe. In den letzten Jahren zeigt sich aber immer mehr, dass das Rohprodukt Bio-Schafwolle auf der Welt ein knappes und begehrtes Gut ist, und die eigene Produktion bei weitem nicht ausreicht.
Für manche Produkte, wie z.B. Unterwäsche oder weiche Oberbekleidung, benötigen wir eine Wollfeinheit, die einheimische Schafrassen nicht erreichen können. Diese Wolle kommt von der Südhalbkugel - sehr weit weg, aber auch sehr natürlich gewonnen. Da bekommt man/frau doch manchmal ganz schön Bauchweh.
Und nach vielen Jahren, in denen der Rohstoff Wolle nahezu nichts wert war und es manchem Schäfer nicht einmal die Scherkosten eingebracht hat, erleben wir aufgrund von Rohstoff-Spekulationen und einer erhöhten Nachfrage aus China eine Verdoppelung des Preises, und ein großes Stöhnen geht durch die Gemeinschaft wollverarbeitender Betriebe.
Dann das Thema Energie. Zum Einen ist unsere Energiebilanz positiv, da wir mit unserer Photovoltaikanlage mehr Strom erzeugen als verbrauchen. Zum Anderen ist eine finkhofinterne Umsetzung der Forderung „10 % weniger Stromverbrauch“ mit Diskussionen verbunden, in denen jede(r) um seine alttestamentarischen Energieprivilegien fürchtet. Die unterschiedlichen Argumente und Vorstellungen werden in die Waagschale geworfen: „Als Wohngemeinschaft verbrauchen wir sowieso schon weniger Energie als ein Kleinfamilienhaushalt!“, „Energiesparlampen belasten die Umwelt mit Quecksilber!“, „Das Licht in Flur und Bad schaltet sowieso keiner aus.“ Und so weiter, und so weiter. In den entsprechenden Diskussionen bin ich als Mr. 10 % der große Lacher.
In solchen Momenten kommt schon der Gedanke: Warum tue ich mir das an? Vieles könnte so einfach sein. Ein kleines gut isoliertes Häuschen, LED-beleuchtet. Ein beruhigtes Gewissen. Der eigentlich springende Punkt ist aber: wie erreiche ich einen Wechsel, wie verändern sich Einstellungen? Und es bleibt nur eines: diskutieren, sich mit seiner Umgebung, seinen Nachbarn und Freunden beraten, Kompromisse in die richtige Richtung finden. Die kleinen Schritte sind die mühsamsten. Wenn noch kein asiatischer Meister diese Weisheit formuliert hat, beanspruche ich die Urheberschaft.
Uli