Erfahrungen

Ein Rhönschaf erzählt

Hallo, ich bin 01 08 800 83223, ein kleines, munteres Rhönschaf. Vor knapp einem Jahr bin ich mit meinen 50 Kolleginnen, den drei Hunden und unserer Schäferin auf den Finkhof gezogen.

Irina+LammHier ist vieles anders als auf den Betrieben, auf denen wir zuvor gelebt haben. Die Eingewöhnung hat eine Weile gedauert, aber das Bio-Futter auf der Schwäbischen Alb schmeckte mir mit der Zeit immer besser, die fremden Hunde gewöhnten sich an unsere schwarzen Köpfe, an unsere etwas lebendigere und neugierige Art, und diese riesigen, eingebildeten Merinoschafe mit der feinen Wolle nahmen uns schließlich doch in ihren Reihen auf.

Der Finkhof im Allgemeinen hat uns Schafe zuerst einmal erstaunt und begeistert: so viele Menschen, die den ganzen Tag hin und her wuseln, Päckchen packen, Wolle weben und färben, Felle (schluck!!) vernähen und zwischendurch gemeinsam essen, schwatzen, lachen, streiten und diskutieren. Von der Weide aus kann ich beobachten, dass es im Arbeitsbereich Schäferei ähnlich zugeht. Die Schäfer, ein Lehrling und mal mehr, mal weniger PraktikantInnen kümmern sich um mich und die anderen 650 Mutterschafe. Auch diese Menschen schwatzen viel bei der Arbeit, sie lachen, streiten, diskutieren...

Vor einigen Jahren hat unsere Schäferin hier als Lammzeit-Praktikantin ihre Liebe zum Schaf entdeckt, an-schließend auf dem Betrieb eine Schäferlehre gemacht und während der letzten Jahre auf „Wanderschaft“ die Meisterprüfung abgelegt. Als sie sich entschloss, auf den Finkhof zurückzukehren, empfand sie es als Herausforderung, in so einem großen Team zu arbeiten und an der Lehrlingsausbildung mitzuwirken. Es benötigt allerdings viel Organisationstalent, ein richtiges Maß an Gelassenheit, Fingerspitzengefühl und vor allem gute Nerven, um so viele Menschen im Arbeitsbereich unter einen Hut zu bekommen. Da bleiben Spannungen nicht aus, zumal man Schäfern eine gewisse Tendenz zur Eigenbrödelei und Sturheit durchaus nicht absprechen kann.

Außerdem steht zwischen den „Alten“ und den „Neuen“ die ein oder andere unsichtbare Mauer. Überall wird Hierarchie deutlich, die es in einem selbstverwalteten Betrieb ja eigentlich gar nicht gibt. Die unterschiedlichsten Gefühle wurden bei ihr, der „Angestellten“, der „Nichtgenossin“ wach, die sich zwar zugehörig fühlt, aber eigentlich doch außen vor steht: Ablehnung, Stolz, Trotz, Überheblichkeit. So stieß meine Schäfererin schnell an ihre Grenzen und musste erkennen, dass Kollektiv vor allem die ständige Auseinandersetzung mit anderen Menschen bedeutet. Sich mit anderen Menschen zu befassen, heißt auch, ständig mit sich selbst konfrontiert zu werden, was noch viel schwieriger ist.

Ob in der Gruppe oder im Arbeitsbereich, ob Lappalien oder Grundsätzliches, ob persönlich, fachlich oder sachlich, alles muss - oder sollte zumindest - besprochen und geklärt werden. Das kostet wahnsinnig viel Kraft, Energie und Aufmerksamkeit. Gruppenleben muss erlernt werden und kann einem nicht strukturiert nach Plan vermittelt werden, wie die Pflege von uns Schafen. Andererseits erfährt meine Schäferin doch immer wieder Auftrieb und Bestätigung, wenn sich ein Konflikt oder eine Thematik zum Positiven wenden lässt. Zwischendurch dachte ich oft, dass ihr das alles irgendwann zuviel wird, zuviel Ablenkung vom eigentlich Wichtigen: von uns Schafen! Aber sie hat bisher dem Drang noch nicht nachgegeben, den Wohnwagen anzuhängen, um wieder alleine mit uns, ihrem eigenen kleinen Kollektiv losziehen zu können. Irgendein Reiz scheint doch auszugehen von diesem Hof, von dieser Art des Zusammenlebens, den sie aber nie genau definieren oder umschreiben könnte. Irgendetwas Heimeliges vielleicht, das sie gesucht hat in den letzten, doch recht einsamen Jahren? Diese unverbindliche Wohngemeinschaft, die sie vergessen lässt, dass sie eigentlich gar nicht gerne spricht und nicht gesellig ist? Dieser Ort, das Allgäu... - wer weiß?

Mittlerweile jedenfalls scheint sie sich ganz wohl zu fühlen und wird wahrscheinlich länger bleiben als dieses erste Probejahr.Röhnschaf Uns Rhönschafen gefällt das. Nicht nur, weil wir im Stall durch den Lämmerschlupf passen und nach Belieben von dem Futter naschen können, das eigentlich den Kleinen vorbehalten ist.

Nein, denn nirgendwo ist es interessanter und unterhaltsamer, gibt es besseres Kino für ein Schaf, als während seiner „Landschaftspflegearbeit“ einmal aufzuschauen und wiederkäuend zu beobachten, wie so viele Menschen in einem Kollektiv Tag für Tag versuchen, miteinander auszukommen.