Erfahrungen
Sichtweise unseres Lehrlings - 2008
Der Schäfer im Einklang mit der Natur
Die für mich schönste Zeit, die ich auf dem Finkhof verbracht habe, war nicht die in der Gruppe von Menschen, die dort leben, sondern die, in der ich „alleine“ mit den Schafen und meinen Hunden auf der Schwäbischen Alb war. Dort, fernab vom Leben auf dem Finkhof selbst, ist die Sommerweide der Schäferei, in der ich die letzten zwei Jahre gearbeitet und meine Ausbildung zum Schäfer gemacht habe. Wäre es nach mir gegangen, ich hätte viel, viel mehr Zeit dort oben verbringen können. Tagsüber mit den Schafen auf den Magerrasenhängen und nachts im Wohnwagen, an wirklich schönen, ruhigen Plätzen.
Doch da diese Flächen ca. 80 km vom Finkhof entfernt liegen, und somit auch von meinen AusbilderInnen, ich aber die Arbeit erst erlernen wollte, war das so nicht möglich. Dazu kommt, dass alle SchäferInnen gerne oder sogar am liebsten hüten gehen. Doch auch in Arnach gibt es immer Schafe zu versorgen und viele andere wichtige Arbeiten zu erledigen. So ist jeder von uns für eine Zeit auf der Sommerweide, dann wird wieder gewechselt.
So sehr mir dieser Umstand manchmal auch nicht gefiel, so brachte es mir auf der anderen Seite zunächst vor allem eine sehr intensive und vielfältige Ausbildung in all den Arbeiten, die außer dem Hüten noch zum Schäferberuf gehören.
Ganz nebenbei bekam ich für mein weiteres Leben sehr nützliche tiefenpsychologische Erkenntnisse über die Vielfältigkeit des Gruppen- bzw. Kommunelebens mit seinen vielen positiven, tollen Seiten, aber auch mit den Problemen und deren Lösungsversuchen. Jeden Tag bekam ich unglaublich gute Mahlzeiten aufgetischt und bereitete selbst regelmäßig solche zu. Doch habe ich jetzt, entgegen allen Prognosen und trotz eines hartnäckigen, oft ausgesprochenen Rufs als begeisterter Esser (insbesondere von möglichst sahnigen Nachtischen), nicht ein Kilo mehr auf den Rippen als bei meiner Ankunft.
Des öfteren habe ich das Gefühl gehabt, dass sich mein persönlicher Lebensstil vor ca. 30 Jahren besser mit dem der heutzutage doch etwas älter und gesetzter gewordenen Finkhöflern vereinbart hätte. Ich war froh darüber, im Bauwagen auf der Flaschenlämmerweide vor dem Haus zu hausen und mich dort frei entfalten zu können. 
Doch auch wenn ich mich über manche Regel geärgert habe und vieles in meinem eigenen Umfeld ganz anders machen würde, hat für mich am Ende die selbstverständliche Großzügigkeit und die Unterstützung in allen Lebensbereichen, die ich auf dem Finkhof erfahren habe, immer dem Gefühl der Enge in den festen Gruppenstrukturen überwogen. Gerne habe ich so meinen Hut zum Essen abgesetzt, meine Schuhe an den dafür vorgesehenen Ort abgestellt, Böden gewischt, auf denen meine Augen nichts zu wischen sahen, mich für meinen schäfertypischen Geruch am Tisch rüffeln und mich sogar mal unter die Dusche schicken lassen. In der Gruppe leben, heißt eben auch geben, nicht nur nehmen.
Der Grund, warum ich überhaupt zum Finkhof und vor allem zur Schäferei kam, ist ein Gefühl, das mir sehr wichtig ist. Ich habe auf vieles verzichtet, was mir vor der Ausbildung sehr wichtig war, hatte wenig Freizeit und musste mich mit von mir verabscheuten Dingen wie Schule, Berichtsheft und staatlichen Leistungsprüfungen herumschlagen. Ich habe Arbeiten gemacht, die mir im Grunde missfallen, hab’ mich so manches Mal geekelt, hab’ gefroren und wurde klatschnass. An anderen Tagen habe ich mich körperlich verausgabt, hab’ in vielen Punkten hart an mir gearbeitet, sogar die schwäbische Sprache zumindest zu verstehen gelernt.
Ich weiß, dass sich das alles für mich gelohnt hat. Denn nur so, wenn man immer dabei ist, alles mitmacht, auch die unangenehmen Dinge, die dazu gehören, ist man auch dann dabei, wenn es plötzlich ruhig wird. Kein Stress mehr, keine Uhr, die im Kopf tickt, nur der uralte Rhythmus von Sonnenauf- und -untergang, der einem sagt, was zu tun ist. Ich stehe dann in einer Landschaft, deren Anblick mir bewusst macht, was mir hier wirklich wichtig ist. Kein Mensch ist in der Nähe und eine ganze Herde, die in meiner Obhut ist, frisst offensichtlich ruhig und zufrieden im weiten Gehüt vor mir. Die Luft riecht nach wilden Kräutern, Wald und Schafen. Die Hunde laufen, nur von Zeit zu Zeit schaut mich einer von ihnen an. Raubvögel kreisen über den Tieren, Singvögel wuseln zwischen den Schafen oder sitzen auf deren Rücken. Es könnte schneien, kalt sein, regnen oder die Sonne scheinen. Es gibt für mich kein schlechtes Wetter. Nur Unterschiede in dessen Schönheit. Ich stehe einfach da, bin vollkommen zufrieden. Die heute so große, oft unüberwindbare Kluft zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur wird dann für mich ein Stückchen kleiner.
Diese Momente sind Ausnahmen; ich muss vieles ausblenden, um das so betrachten zu können. Am Ende steht auch in unserem Beruf die Wirtschaftlichkeit. Klar, der Betrieb muss laufen. Doch ich pflege die Schafe, weil es meine Aufgabe ist, nicht weil sie sonst aus der Produktion ausscheiden - wie es im Fachbuch heißt. Jetzt ist meine Ausbildung bald zu Ende und wie so oft ging alles sehr, sehr schnell.
Eines weiß ich ganz sicher: gelacht und Spass gehabt, habe ich in dieser Zeit gewiss nicht zu wenig. Jost