Erfahrungen
Seuchen und Folgen - 2001
Im Unterschied zu früheren Einleitungen beschäftigt sich diese mit unseren Mitgefährten, den Schafen. So wie die derzeitige Bekämpfung von Tierseuchen in Europa geregelt ist, fühlen wir uns dazu auch mehr oder weniger gezwungen.
Im Mai 2001 fiel uns wirklich ein Stein vom Herzen, als das Verbot mit Schafen über Land zu ziehen, um eine Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche zu verhindern, aufgehoben wurde und wir mit unseren Schafen auf die Schwäbische Alb reisen konnten. Das Futter im Stall, der als Quarantänestation diente, war knapp geworden und die Angst vor einer Infektion wich der Hoffnung, nochmal Glück gehabt zu haben.
Für diejenigen unter Ihnen, die zum ersten Mal von uns hören, einige grundlegende Informationen: Die Schäfereigenossenschaft Finkhof ist seit fast 30 Jahren eine Landkommune mit wechselnder Anzahl ihrer Mitglieder, aber einer konstant ca. 700-köpfigen Schafherde. Die ersten Schafe wurden uns von Freunden oder Menschen gespendet, die die Idee der Landschaftspflege mit Schafen gut fanden. In den folgenden Jahren entwickelte sich nach den unterschiedlichen Bedürfnissen der MitgliederInnen neue Arbeitsbereiche rund um die Wolle, wie die Näherei, die Färberei, die Weberei und der Versand. Es gelang uns, über die Idee der Schafhaltung hinaus einen Betrieb zu gründen, der die Wolle auf möglichst natürliche Art und Weise zu Socken, Betten, Garnen und Pullovern weiter verarbeitet oder Produkte vertreibt, die unseren hohen Anforderungen gerecht werden. Unsere Idee wurde von unseren Kunden anerkannt, nur reicht jetzt unser eigener Bestand nicht aus, und wir müssen Wolle und Felle von anderen, regionalen Schäfereien hinzu nehmen. Den Erfolg dieser Bemühungen können Sie auf den folgenden Seiten begutachten.
Als die Maul- und Klauenseuche (MKS) in Großbritannien ausbrach, waren wir noch nicht beunruhigt. Großbritannien ist weit weg und von MKS wussten wir, dass erkrankte Tiere die Seuche in aller Regel überleben und Antikörper ausbilden. Für Menschen besteht keine Gefahr, an der Krankheit zu sterben oder bleibende Schäden zurückzubehalten.
Es dauerte eine Woche, bis wir erkannten, wo die Gefahren für uns wirklich lagen. Im Falle eines infizierten Tieres wird die ganze Herde weggeschlachtet oder – wie es so schön heißt – gekeult. Der Grund für ein derartiges Verhalten ist eine europäische Landwirtschaftpolitik, die sich an industrieller Tierproduktion orientiert. Große Mengen Fleisch werden ins Ausland mit der Garantie verkauft, dass das Fleisch der Tiere weder infiziert noch immunisiert ist. Eine solche Regelung schließt dann natürlich vorbeugende Impfungen aus. Im Falle einer Keulung würden wir Schafe verlieren, die bis zu acht Jahren in der Herde mitgewandert sind und die jeder Schäfer in diesem Zeitraum kennengelernt und gepflegt hat. Die Zuchterfolge der letzten Jahre und die unbehandelte, eigene Wolle, Produkt der alljährlichen einzigen Schur, wären verloren und entweder nur im Verlauf mehrerer Jahre oder gar nicht zu ersetzen. Unsere gesamte wirtschaftliche Existenz stand damals auf der Kippe. Dass es dazu nicht kam, lag nicht an der sechswöchigen Quarantäne in unserem Schafstall bei Bad Wurzach, es lag sicher nicht an einer doch sehr löchrigen Abschottung des europäischen Festlandes, sondern wir hatten nur, wie alle anderen Landwirte auch, eine Menge Glück. Im Frühjahr wird durch das Einsetzen der warmen Witterung die Überlebensfähigkeit des Virus drastisch gesenkt.
Zukünftig vorbeugen könnte man mit einer Reduzierung der Dauer von Tiertransporten innerhalb Europas. Die langen Transporte sind für die Tiere sehr strapaziös, und das Gefährdungspotential steigt enorm, wenn täglich Tiere unkontrolliert durch ganz Europa gekarrt werden können. Jede Seuche kann sich dann blitzschnell ausbreiten. Viel sinnvoller wäre es, wenn das Fleisch von Tieren in den Ländern, in denen es erzeugt wurde, verarbeitet und verzehrt würde und erst bei Bedarf von anderen Ländern eingeführt würde. So wäre auch die Anzahl von Tiertransporten auf das Nötigste zu senken.
Wer Gesetze und ihren Inhalt ernst nimmt, kommt am § 1 des Tierschutzgesetzes nicht vorbei: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leid oder Schäden zufügen.“ Mit der Kenntnis dieses Gesetzes ist nicht nachvollziehbar, warum kanke Tiere nicht behandelt werden dürfen, offensichtlich gesunde Tiere, die lediglich Überträger sein könnten, nicht am Leben gelassen oder geimpft werden. Noch in den 80er Jahren war dieses Verhalten erfolgreich. Warum kann nicht wenigstens der einzelne Tierhalter seinem Gewissen und seiner Verantwortung entsprechend seine Tiere vorsorglich schützen?
Wenn Sie dieses Editorial gelesen haben, ist sein Inhalt vielleicht schon veraltet oder von einer neuen Entwicklung in der Behandlung von Tierseuchen überholt worden. Der Grund ist das einmalige Erscheinen dieses Kataloges im September für ein Jahr und das Erstellen seines Inhaltes kurz davor.